Ein furchtbarer Radhelm-Beitrag auf Bayern 2

Heute (14.11.) habe ich auf der Heimfahrt im Auto auf Bayern 2 einen grausamen Beitrag zur Helmpflicht für Radfahrer (am Ende einer 25-minütigen Sendung, die es nur im ganzen als Podcast gibt1) anhören müssen. Das Magazin nennt sich “IQ Wissenschaft und Forschung”, aber von Wissenschaft war darin nicht viel zu hören.

Ich konnte es nicht lassen. Ich habe folgenden Leserbrief per E-Mail an die Redaktion geschickt – mal sehen ob es eine Reaktion gibt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Beitrag “Helmpflicht – Warum der Kopfschutz für Fahrradfahrer sinnvoll ist”, in IQ – Wissenschaft und Forschung vom 14.11. war wirklich unter Ihrem Niveau und sehr ärgerlich. Wenn es etwas vergleichbares wie den Presserat auch für Radio gäbe, wäre das m.E. ein Fall dafür. Meine Kritik im einzelnen:

In der Anmoderation wird angekündigt, der Frage auf den Grund zu gehen, warum die Helmpflicht sinnvoll sei und warum so Fahrradfahrerverbände dagegen seien. Diesem selbstgesteckten Anspruch wird die Sendung in keiner Weise gerecht.

1. Sie stellt die These von Herrn Pohlemann als wissenschaftlich begründet und korrekt, die von Herrn Bickelbacher als emotional, politisch motiviert und falsch dar, ohne Argumente zu liefern. Dies geschieht durch viele subtile Dinge – Länge und inhaltlicher Zusammenhang der ungestörten Redezeit, Geräuschhintergrund bei Herrn Bickelbacher vs. Stille bei Herrn Pohlemann, Wertungen in den Zwischentexten.

2. Anstatt die Argumente des ADFC darzulegen – die Kernthese kann man unter http://www.adfc.de/helme/seite-2-argumente-gegen-die-helmpflicht nachlesen, aber es gibt noch mehr – wird ein “Stimmungsbild” vom Radfahrer Bickelbacher gezeichnet. Gleich zu Anfang “umkurvt er einige Fußgänger” und wird somit als halber Rüpelradler diffamiert. Dann darf er mal kurz ein Argument anreißen, aber nicht zu Ende argumentieren.

3. Die Sendung versäumt, die wissenschaftlichen Standpunkte von Herrn Pohlemann kritisch zu hinterfragen. Hört man kritisch zu, dann merkt mann Herrn Pohlemann an, dass er – typisch für Unfallchirurgen – vom Einzelfall her denkt. Natürlich hat er da schlimme Kopfverletzungen gesehen. Aber ob der Helm dabei hilft ergibt sich erst aus der Statistik. Die muss er nicht bemühen, das tut der Redakteur für ihn. Dabei gibt er keine Quelle an, beim Hörer wird damit der Eindruck erweckt, dass es Forschungen von Herrn Pohlemann seien, was wahrscheinlich falsch ist.

4. Die angeführte Statistik sowie die Darstellung von Äußerungen von Herrn Pohlemann suggerieren, dass der Helm “bei schlimmen Unfällen nützt”. In Wirklichkeit geben die Daten das nicht her. Die angeführte Statistik sagt ja nur, dass die Unfallfolgen in 80% der Fälle geringer sind. Daran zweifelt niemand – Platzwunden werden zu Helmschäden, mittlere Gehirnerschütterungen werden zu leichten. Aber wieviele lebensbedrohliche Schäden der Helm verhindert sagt das nicht aus.

Andererseits urteilen regemäßig Gerichte, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für den Nutzen des Helms gibt, und lehnen ein Mitverschulden von Unfallopfern nur deswegen, weil sie keinen Helm trugen, ab. Warum wurde das nicht thematisiert?

5. Ein Wissenschaftsmagazin sollte auch beleuchten, dass die Medizinerausbildung in Deutschland nur am Rande mit Wissenschaft zu tun hat, und dass die Universitäten so unterfinanziert sind, dass fast alle klinischen Studien von der Industrie bezahlt werden müssen. Wer könnte ein Interesse an einer Helmpflicht haben, und von wem bezieht die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie oder ihre in diesem Bereich tätigen Mitglieder ihre Forschungsgelder? Schön wenn dabei rausgekommen wäre, dass es keine Verquickungen in dieser Richtung gibt. Aber haben Sie sich die Frage überhaupt gestellt?

6. Bemerkenswert ist auch der entweder blauäugige oder bewußt laxe Umgang mit Fachtermini. So sagt Herr Pohlemann völlig korrekt, dass der Radhelm das “Verletzungsrisiko” (oder war es Unfallrisiko?) deutlich senke. Das suggeriert für den Nicht-Fachmann, das man mit einem Helm weniger Unfälle habe – natürlich absurd, aber aus dem Mund eines Mediziners suggeriert es doch einen großen Gewinn durch den Helm. Korrekterweise hätte der Redakteur darauf hinweisen müssen, dass der Fachterminus “Risiko” eine Eigenschaft einer Gefährdung ist und ihre
kombinierten Eigenschaften “Schweregrad” und “Wahrscheinlichkeit” beschreibt. Natürlich ändert sich nicht die Wahrscheinlichkeit, obwohl das der Alltagsgebrauch des Wortes nahelegt.

7. Wie die Fahrradverbände es versuchen darzustellen – es gibt natürlich auch wissenschaftliche Argumente gegen die Helmpflicht. Aber wenn man sich damit auseinandergesetzt hätte (natürlich auch kritisch!), hätte man bestimmt die Sendezeit überzogen… Zumal andere Verbände durchaus noch kritischer als der ADFC sind. Versuchen Sie mal ein Statement vom Vorsitzenden des VCD Bayern zu dem Thema einzuholen…

8. Schließlich bleibt anzumerken, dass ein Wissenschaftsmagazin natürlich die sachlichen Argumente für so eine Regelung zusammentragen sollte. Aber es sollte sich auch immer bewußt sein, dass es am Ende eine politische Entscheidung bleibt, wir sind zum Glück noch keine Expertokratie. Oder fassen wir es so: Sie haben einige Wissenschaften vergessen. Die Philosophie für die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit (das Thema wurde angerissen, aber eben nur emotional-negativ Herrn Bickelbacher ein übermäßiges Freiheitsbedürfnis zugeschrieben), und die Verwaltungswissenschaften – oder wer ist für die Frage zuständig, ob wir es wirklich wollen, dass Polizisten Strafzettel für Helm-Muffel ausstellen, anstatt sich um wirkliche Probleme zu kümmern?

Ein Fehlgriff ist kein Grund den Sender zu wechseln, aber bitte bemühen Sie sich weiter um Qualitätsjournalismus.

So verbleibe ich mit freundlichen Grüßen ihr Hörer
Frank Küster

Fußnote:
1 Ich fürchte, das führt zum “heutigen” Artikel, und morgen ist das ein anderer. Aber ich habe keinen permanenten Link gefunden. Das Titelthema des Tages war “Antibiotika”.

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